Sportlerin des Jahres
Skeleton-Heldin Flock über Siege, Mut & die Krebsdiagnose ihrer Mama
Sie ist Olympiasiegerin, dreifache Gesamtweltcupsiegerin und vierfache Europameisterin: Janine Flock zählt zu den erfolgreichsten Skeleton-Athletinnen der Welt. Nach Jahren voller Triumphe und Rückschläge krönte die Tirolerin ihre Karriere heuer mit Gold in Cortina. Nun wurde sie zu Österreichs "Sportlerin des Jahres" gekürt. Im Interview spricht die Ausnahmesportlerin über ihren Weg an die Spitze und darüber, was sie so stark macht.
Freude, Stolz und Emotionen
Die Ehrung hat Sie sichtlich bewegt. Was hat diese Anerkennung in Ihnen ausgelöst?
Janine Flock: Das war wirklich ein sehr bewegender Moment für mich. Ich glaube, weil in diesem Augenblick einfach alles zusammengekommen ist – die Freude, der Stolz und auch die Emotionen der letzten Jahre. Im Spitzensport bist du so oft im nächsten Ziel, dass du selten wirklich stehen bleibst und begreifst, was du alles erlebt und geschafft hast. Umso schöner war es, diesen Moment bewusst zu erleben und zu spüren, wie viel mir dieser Weg bedeutet. Das werde ich sicher nicht so schnell vergessen.
Was können Sie heute besser als je zuvor – sportlich, aber auch persönlich?
Flock: Ich glaube, ich habe über die Jahre vor allem zu mir selbst gefunden. Ich weiß heute viel klarer, wer ich bin, wofür ich stehe und vertraue meinen Entscheidungen. Selbstzweifel und Ängste gehören für mich zur Entwicklung dazu – entscheidend ist, wie ich damit umgehe. Druck war und ist für mich immer ein Antrieb. Ich habe einen großen Willen zu gewinnen und gelernt, Druck für mich zu nutzen, weil er mich in eine noch stärkere Konzentration bringt. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass Selbstvertrauen nicht nur bedeutet, an den eigenen Sieg zu glauben, sondern auch zu wissen, dass man mit jedem Ausgang umgehen kann. Mein größtes Learning war, dass mein Wert als Mensch nicht davon abhängt, ob ich gewinne oder verliere. Das wirklich zu verinnerlichen, hat mir im Sport und im Leben unglaublich viel gegeben.
“Heute höre ich viel bewusster auf die Warnsignale meines Körpers.”
Janine Flock
Gab es Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Sie diesen Preis noch zahlen wollen?
Flock: Diese Momente gab es immer wieder. Im Spitzensport geht es darum, Grenzen zu verschieben, schneller zu werden und sich weiterzuentwickeln. Ich habe auch schon erlebt, dass ich weit über meine Schmerzgrenze gegangen bin. Rückblickend war das eine wichtige Erfahrung, weil ich dadurch gelernt habe, besser zu unterscheiden, was mich weiterbringt und wann ich auf mich achten muss. Heute höre ich viel bewusster auf die Warnsignale meines Körpers, aber auch auf mein Bauchgefühl und meine Intuition. Ich habe klare Ziele, aber auch einen Rahmen, innerhalb dessen es für mich noch vertretbar sein muss.
Auch interessant
Während des harten Wettkampfs erfuhr sie, dass ihre Mama Brustkrebs hat
Sie haben sportlich, aber auch privat harte Zeiten durchgemacht. Etwa die Brustkrebserkrankung Ihrer Mama – hat diese Ihre Sicht auf das Leben und Erfolge verändert?
Flock: Ich würde nicht sagen, dass sich meine Sicht auf das Leben dadurch grundsätzlich verändert hat, aber es hat mir noch einmal bewusst gemacht, was wirklich wichtig ist. Mir hat geholfen, die Situation möglichst sachlich zu betrachten, die Emotionen einzuordnen und mich darauf zu konzentrieren, welche Lösungen es gibt und was die nächsten Schritte sind – immer einen Schritt nach dem anderen. Ich glaube, vieles von dem, was ich im Sport gelernt habe, hat mir auch in dieser Zeit geholfen. Und der Zusammenhalt in der Familie ist unglaublich wichtig. In solchen Momenten rückt vieles, das im Alltag oft groß erscheint, einfach in den Hintergrund. Am Ende zählt, dass man füreinander da ist und gemeinsam durch schwierige Zeiten geht.
“Mental stark zu sein bedeutet für mich nicht, dass einem etwas nichts ausmacht.”
Janine Flock
Wie geht man mit solch einer Nachricht mitten in der Wettkampfsaison um – was macht Sie mental so stark?
Flock: Als ich von der Diagnose erfahren habe, war ich gerade in Pyeongchang in Korea, also ziemlich weit weg von meiner Familie. Natürlich versucht man, über Videoanrufe da zu sein und so viel Nähe wie möglich zu geben. Aber es ist nicht leicht, wenn man die Menschen, die man liebt, nicht einfach in den Arm nehmen kann. Für mich war klar, ich bin hier, ich muss meinen Job gut machen, und meine Mama muss zu Hause Schritt für Schritt ihren Weg durch diese Situation gehen. Ich konnte aus der Ferne nicht viel verändern, hab gewusst sie ist in guten Händen, also habe ich versucht, mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen konnte. Ich glaube, genau das hilft mir auch im Sport – schwierige Situationen anzunehmen, einen Schritt nach dem anderen zu machen und meine Energie auf das zu richten, was gerade wichtig ist. Mental stark zu sein bedeutet für mich nicht, dass einem etwas nichts ausmacht. Es bedeutet, auch in schwierigen Momenten einen Weg zu finden, damit umzugehen.
Ihr Liebes-Comeback mit Sportkollege Matthias Guggenberger
Bei der Gala sah man Sie auch innig mit Ihrem Partner – inwiefern hat Sie Ihre Trennung 2002 noch stärker gemacht?
Flock: Ich glaube, das wurde medial etwas verzerrt dargestellt. Wir mussten uns beide beruflich orientieren und brauchten auch etwas Raum, um unabhängig voneinander Entscheidungen zu treffen. Da wir durch den Sport sehr eng verbunden sind, verschwimmen bei uns das Berufliche und das Private oft was für uns aber total okey ist – wir lieben ja das was wir tun. Wir haben uns über die Jahre gemeinsam weiterentwickelt und gelernt, uns gegenseitig zu stärken, aber auch Freiraum zu geben. Eine Beziehung ist immer dynamisch und ich finde es schön, wenn man sich gemeinsam weiterentwickelt und trotzdem seinen eigenen Weg gehen kann. Matthias ist in England beruflich sehr erfolgreich, viel unterwegs und ich habe als Athletin auch einen eigenen Rhythmus. Umso mehr genießen wir die Zeit, die wir miteinander haben. Dass er bei der Gala dabei sein konnte, hat mich besonders gefreut, weil ohne ihn hätte ich es auch nicht so weit geschafft.
Wie schaffen Sie es, dass zwischen Training, Reisen und Wettkämpfen genug Raum für Ihre Liebe bleibt?
Flock: Wir sind beide älter und reifer geworden.. :) ich glaube, wir haben vor allem gelernt, bewusster miteinander umzugehen und die gemeinsame Zeit mehr zu schätzen. Wir haben beide unsere eigenen aber auch gemeinsamen Ziele und sind beruflich viel unterwegs, deshalb ist es wichtig, dass jeder seinen Weg gehen kann und wir uns trotzdem gegenseitig unterstützen. Gerade weil wir beide den Sport so gut kennen, verstehen wir auch, was der andere braucht. Es ist nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen, deswegen versuchen wir die Zeit, die wir gemeinsam haben, bewusst zu genießen. Für mich bedeutet eine gute Beziehung nicht, ständig zusammen zu sein, sondern sich gegenseitig wachsen zu lassen und trotzdem ein Team zu bleiben.
“Das Playboy-Shooting habe ich nie bereut!”
Janine Flock
Sie haben 2022 für Aufsehen mit einem Playboy-Shooting gesorgt – würden Sie es wieder tun oder haben Sie den Schritt je bereut?
Flock: Ich bin nach wie vor sehr zufrieden mit meiner Entscheidung und bereue es nicht. Für mich war es eine einmalige Erfahrung, die auch einmalig bleiben wird. Es ging dabei weniger darum, mein Selbstbewusstsein zu stärken, sondern vielmehr darum, mich selbst aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Besonders schön war es, die fertigen Bilder zu betrachten und zu sehen, wie ästhetisch und besonders sie geworden sind. Das war eine Erfahrung, die ich sehr positiv in Erinnerung behalten werde.
Nach Olympiagold und der Ehrung zur Sportlerin des Jahres: Wie groß ist der Druck in der neuen Saison?
Flock: Der Anspruch an mich selbst ist natürlich da. Ich würde nach diesen Erfolgen gerne auch einmal die Zügel etwas lockerer lassen, aber ich kenne mich gut genug, um zu wissen, wie viel es braucht, um dieses Leistungsniveau zu halten. Das macht es manchmal schon etwas anstrengender. Gleichzeitig bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Ich versuche, mir klare Prioritäten zu setzen und im Hier und Jetzt zu bleiben.
“Seid neugierig, lernt von den Besten und habt den Mut, neue Schritte zu wagen...”
Janine Flock
Denken Sie manchmal über Ihr Karriereende nach und was danach kommen könnte?
Flock: Natürlich macht man sich Gedanken darüber. Man kann sich auf vieles vorbereiten, aber eben nicht auf alles. Es gibt einige Themen, die mich interessieren und in denen ich mich gerne weiterbilden möchte. Ich bin aber ein Mensch, der sehr im Hier und Jetzt lebt. Wenn der Zeitpunkt kommt, möchte ich diese neue Phase bewusst genießen, Neues lernen und mich auch überraschen lassen, was das Leben für mich bereithält. Aber ein paar Träume habe ich schon – die behalte ich vorerst noch für mich. (grinst)
Was möchten Sie jungen Sportlerinnen mit auf den Weg geben, was Sie vielleicht bei Ihren Anfängen vermisst hast?
Flock: Seid neugierig, lernt von den Besten und habt den Mut, neue Schritte zu wagen – auch wenn ihr noch Zweifel habt. Und vor allem - hört auf euren Instinkt und vertraut eurem Gefühl.
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden